(Titelbild: Screenshot Youtube)
Sie ist nicht die erste, die in diese Falle tappt, und wahrscheinlich auch nicht die letzte: Jetzt hat ein 14-jähriges Mädchen aus Kaufering das Übel “Facebook-Party” ausgelöst. In unserer Chronologie sehen Sie, wie aus einer harmlosen Einladung eine Sause wurde, die von 300 Polizisten betreut werden musste.
Anfang Juni: Die 13-Jährige Selina W. entschließt sich, ihren 14. Geburtstag am 23. Juni am Baggersee in Kaufering zu feiern. Auf Facebook erstellt sie dazu eine Veranstaltung, lädt zu Alkohol und “abgehen” ein: “lass’ mas krachen!”.

So soll die öffentliche Einladung von Selina auf Facebook ausgesehen haben. (Screenshot: Youtube)
Das Problem: Weil Selina unbedingt viele Leute dabei haben will, vergisst das Mädchen, auf die Einladungsoptionen zur Party zu achten – sie stellt ein, dass alle Facebook-User die Einladung sehen, verteilen und sich anmelden können.

Ein “Häckchen” hätte die Sache wohl anders ausgehen lassen – dann wäre die Veranstaltung “privat” gewesen. (Screenshot: Youtube)
Einige von Selinas “Freunden” müssen den Fehler bemerkt haben – ob sie das Mädchen warnen, ist unklar. Fakt ist, dass viele den Link zu Selinas Geburtstagsparty auf ihrem eigenen Profil teilen und die Leute einladen, die sie in ihrer eigenen Freundesliste haben. Weitere Leute bekommen die Veranstaltung mit, teilen sie ebenfalls. Es werden rund 180.000 Einladungen.
Innerhalb weniger Stunden ist aus der privaten Party ein öffentliches Event geworden.
Mitte Juni:
In Blogs und Foren im Internet wird über das Mädchen aus Kaufering gewitzelt, das beim Erstellen ihrer Einladung den so entscheidenden Haken vergessen hat.

(Screenshot: kleiderkreisel.de)
“Kreative Köpfe” haben zur Party ein Plakat gebastelt. Die eigentlich harmlose Party hat jetzt den Titel “Project S” bekommen.

“Du hast heut Geburtstag, deshalb saufen wir …” (Screenshot: Youtube)
Zu diesem Zeitpunkt hat Selina bereits ihr eigenes Kommen zur Party abgesagt, die Veranstaltung findet sich zunächst aber noch auf Facebook. Die Veranstaltung wird erst am 13. Juni gegen Abend gelöscht. Bis dahin haben sich aber bereits rund 20.000 Gäste angemeldet.
Jetzt berichten die ersten offiziellen Medien von der Party, sind im Gespräch mit der Polizei, die über die ausufernde Party informiert wurde. Ungeachtet dessen laden YouTube User ihre ersten “Selina”-Party-Songs auf You Tube hoch. Dass die Veranstaltung abgesagt wurde, scheint sie nur spannender zu machen. Auf Facebook entstehen unter dem Motto “Selina kommt nicht – wir feiern trotzdem” einfach neue Veranstaltungen.
Das Mädchen hat spätestens jetzt keine Chance mehr, den Hype zu stoppen. Am 14. Juni stampft das Landratsamt Landsberg am Lech (in dessen Landkreis Kaufering liegt) in Absprache mit der Polizei ein Facebook-Party-Verbot für die “kritische Zeit” von Freitag bis Sonntag aus dem Boden. Daraufhin suchen die Feierwütigen Ausweichplätze. Am 19. Juni wird nachgelegt:
Appell an die Eltern: Landratsamt und Polizei appellieren an die „Facebookgemeinde“ am Samstag zu Hause zu bleiben, da es weder einen Veranstalter für eine Party, noch die nötige Infrastruktur an genannten Orten geben wird. Ein besonderer Appell von Landratsamt und Polizei richtet sich auch an die besondere Verantwortung der Eltern, mit der Bitte auf ihre minderjährigen Kinder einzuwirken, dem Gebiet am Samstag fernzubleiben bzw. ihren Nachwuchs nicht auch noch dort hinzubringen.
Badegäste bitte fernbleiben:
Erholungssuchende, die an sonnigen Tagen üblicherweise die „Iglinger Baggerseen“ nutzen, werden ebenfalls gebeten am kommenden Samstag auf andere Bademöglichkeiten auszuweichen. – Landratsamt Landsberg am Lech
Wer das Verbot missachtet, dem droht ein Bußgeld bis zu 1.000 Euro.
23. Juni: Heute wollte Selina ihren 14. Geburtstag feiern. Rund 300 Polizeibeamte positionieren sich in Kaufering, um die Gäste zu empfangen. Den Einsatzkräften ist es nicht möglich, den tatsächlichen Ansturm im Vorfeld abzuschätzen.

Feierwütige feiern Selinas Geburtstag – die Polizei eskortiert die “Gäste” (Screenshot: Youtube)
Kaufering wird zerlegt – “truenoeyes” auf Youtube
Nach dem Einsatz spricht die Polizei von 500 Gästen. Sie kamen unter anderem aus München, Augsburg, Kempten und Kaufbeuren und wurden zu einem Großteil bereits am Bahnhof abgefangen und wieder nach Hause geschickt.

Screenshot: Youtube
Doch auch wenn die Zahl im Vergleich zu den Zusagen gering ist – so ganz ohne ist der Einsatz nicht. Wie “versprochen” kommen zahlreiche Jugendliche bereist sturzbetrunken in Kaufering an, suchen Streit mit den Polizeibeamten oder müssen ins Krankenhaus gebracht werden. 38 “Gäste” der Facebook-Party werden festgenommen.
Nichtsdestotrotz: Die Teilnehmer feiern sich in zahlreichen Videos. Darf man einigen Kommentaren auf Facebook glauben, ist der Spaß auch noch nicht ganz vorbei – die nächsten Parties werden demnach schon geplant…
Kosten des Polizei-Einsatz: über 120.000 Euro! Wer den Einsatz zur missglückten Party zahlen muss, und wie sich die Polizei auf dieses neue “Beschäftigungsfeld” einstellt, sehen Sie im Video. Im Interview: Bayerns Innenminister Joachim Herrmann.



