Antibiotika: Von der Tier-Mast auch ins Gemüse

In unserer Nahrung scheinen weit mehr Antibiotika zu stecken als vermutet

Pharmahersteller- und händler haben jetzt erstamalig zusammengefasst, welchen Umsatz sie mit Antibiotika in der deutschen Landwirtschaft machen. Laut Medienberichten sind die ersten Auswertungen dieser Daten erschreckend – und selbst das Bundeslandwirtschaftsministerium will von einem Einsatz in solchen Mengen nichts gewusst haben.

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“Da jeder Einsatz von Antibiotika letztlich die Resistenz fördern kann, muss sichergestellt sein, dass Antibiotika gerade bei Tieren, von denen Lebensmittel gewonnen werden, nur dann eingesetzt werden, wenn sie unbedingt erforderlich sind.” – Landwirtschaftsministerium 

Das Ministerium bezeugt hier, die Gefahr zu erkennen: Ein Übermaß an Antibiotika macht resistent, die Wirkung von Medikamenten geht auf Dauer verloren – zunächst beim Nutztier, dann beim Menschen. Schätzungen zufolge sterben weltweit mehr Menschen an Infektionskrankheiten durch resistente Bakterien als an Aids.
Dennoch scheint Antibiotika-Einsatz in der Landwirtschaft weiter zum Alltag zu gehören. Das ergibt eine erste Auswertung von Daten, die die Pharmaindustrie an das Bundeslandwirtschaftsministerium übermittelt hat. Ist man laut Ministerium davon ausgegangen, dass 2011 rund 780 Tonnen Antibiotika in der Nutztierhaltung verbraucht werden, muss man jetzt zugeben: Es ist wohl deutlich mehr in Umlauf. Wie viel und wie es in den einzelnen Bundesländern verteilt ist, das soll erst in den kommenden Wochen endgültig klar werden.

Situation in Bayern

Vor allem in der Massentierhaltung wird Antibiotika immer wieder rechtswidrig eingesetzt.

Eigentlich dürfen Antibiotika nur zur Behandlung kranker Tiere eingesetzt werden. Studien haben aber auch bei uns einen massenhaften Einsatz bei Masttieren ergeben. Gesicherte Zahlen gibt es nicht – denn auch im Freistaat muss man sich beim Antibiotika-Verbrauch bisher auf Schätzungen und die Ergebnisse von Stichproben verlassen. Allerdings: Im Jahresbericht 2011 des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) wurden allein von über 1.700 Proben auf Antiobiotika in Futtermitteln knapp 1,3 Prozent beanstandet – obwohl Antibiotika als leistungs- und wachstumsfördernde Mittel im Tierfutter seit 2006 generell verboten ist. Und auch im Fleisch selbst identifizierte das LGL 2011 zweifelsfrei Antibiotikarückstände in 83 % (2010: 95 %) der Proben, die schon im ersten Test-Durchgang verdächtig waren.

Bis ins Gemüse

VIDEO: Mehr Sicherheit beim Direktvermarkter Bauernhof

Untersuchungen des Departments Chemie der Universität Paderborn beweisen lückenlos: Antibiotika aus der Tierhaltung werden nach der Ausbringung von Gülle auf Felder von Nutzpflanzen aufgenommen und können somit in die Nahrung gelangen. Prof. Dr. Manfred Grote: “Infolge zunehmender Risiken durch Antibiotika-Resistenzen sind diese Ergebnisse von besonderer Bedeutung.” Und weiter: “Antibiotika sind zur Bekämpfung der Infektionen von Mensch und Tier unverzichtbar. Die weltweit zunehmenden Risiken durch Antibiotika-Resistenzen können aber durch den Arzneimitteleinsatz in der landwirtschaftlichen Tierhaltung verstärkt werden, wenn Antibiotikarückstände nicht nur in Lebensmitteln vom Tier sondern auch über Nutzpflanzen in die Nahrung gelangen.”
Logisch ist: Je mehr Antibiotika in Nutztiere gelangt, umso häufiger ist es auch in Grundwasser und Gülle zu finden – und damit auch in Gemüse und Co.  (Quelle: idw-online.de)

Zum Schutz vor einem übermäßigen Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung fordern Deutschlands Amtstierärzte eine neue Datenbank. “Wir wissen, dass Antibiotika notwendig sind bei der Bekämpfung von Erkrankungen”, sagte Martin Hartmann, Präsident des Bundesverbandes der beamteten Tierärzte. Eine Datenbank könne den Tiermedizinern aber einen Überblick über die Antibiotika-Gabe in den Ställen ermöglichen.

Bayerns Gesundheitsminister Marcel Huber (CSU) rät Landwirten und Tierärzten zu einer genaueren Vorsorge, damit Krankheiten vermieden werden können und Medikamente gar nicht erst nötig sind. Als Beispiel nannte er Impfschutz, ein gutes Stallklima und passende Fütterung. Antibiotika sollten nur eingesetzt werden, “wenn es unvermeidbar ist”. Die Tiergesundheit dürfe nicht aufs Spiel gesetzt werden. Gerade Seuchen seien ein europaweites Problem und müssten energisch eingedämmt werden. (dpa)

 

 

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